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„KI kann nicht das, was menschliche Migrationsberatung kann.“

Wie künstliche Intelligenz die Migrations-Beratung verändert und warum Menschen in der Beratung trotzdem unverzichtbar bleiben: Wir haben vom Civic Data Lab ein Interview mit Fachexperte für KI (Künstliche Intelligenz), Onlineberatung und Digitale Soziale Arbeit, Stefan Kühne, geführt.

18. 05. 2026

Künstliche Intelligenz ist längst im Alltag der Migrationsberatung angekommen. Übersetzungstools, Chatbots oder automatische Transkriptionen erleichtern Gespräche, helfen bei der Recherche und verändern die Kommunikation zwischen Ratsuchenden und Beratenden grundlegend. Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen: falsche Informationen, Unsicherheiten bei rechtlichen Fragen bei Klient*innen und ein wachsender Bedarf an Orientierung. Im Interview sprechen wir vom Civic Data Lab mit Experte Stefan Kühne darüber, welche Möglichkeiten der Einsatz von KI in der Migrationsberatung bietet, warum Berater*innen zu KI-Lots*innen werden und warum Empathie, Erfahrungswissen und menschliche Einordnung nicht automatisiert werden können.

  • Civic Data Lab: Für welche Aufgaben könnte KI in der Beratung sinnvoll eingesetzt werden?

Stefan Kühne: KI ist in der Praxis bereits angekommen und wird auch intensiv genutzt, oft zunächst über Übersetzungstools oder KI-gestützte Chatbots. Besonders in der Migrationsberatung können diese Anwendungen eine große Hilfe sein. Ratsuchende müssen nicht zwingend Deutsch sprechen oder schreiben können, um ihre Anliegen zu formulieren. Das ist einfach für sie: Sie können in die Tools hineinsprechen und die Inhalte werden direkt transkribiert oder übersetzt. Eine Erleichterung für Klient*innen und Beratende in der Kommunikation. Allerdings berichten Beratende, dass sie manchmal sprachlich sehr geglättete Anfragen bekommen. Daran merken sie dann, dass KI bereits genutzt wurde. Für Menschen mit geringer Schriftsprachkompetenz oder ohne deutsche Sprachkenntnisse ist das eine große Hilfe. Solche Anwendungen können Barrieren abbauen. Gleichzeitig nutzen auch Beratende KI, um Übersetzungen gegenzuprüfen oder Texte verständlicher zu formulieren.

  • Civic Data Lab: Wie verändert KI die Arbeitsabläufe in der Migrationsberatung?

Stefan Kühne: KI kann Beratende in der Migrationsberatung bei vielen Aufgaben unterstützen. Zum Beispiel bei Recherchen zu Rechtslagen, bei Fragen zur Anerkennung von Berufsabschlüssen oder beim Verfassen von Schreiben und Beschwerden. Auch Dokumentation, Transkription oder interne Wissenssuche lassen sich durch KI vereinfachen. Aber die Technik bringt auch neue Anforderungen mit sich. Zum Beispiel liefern Chatbots nicht selten Antworten, die plausibel wirken, aber nicht immer korrekt sind. Gerade im Migrationsrecht kann das problematisch werden. Da ein KI Chatbot inhaltlich kein Verständnis der Thematik hat, müssen Beratende oft erklären, dass vielleicht ein veralteter Gesetzestext genutzt wurde oder dass in einem anderen Bundesland andere Regelungen gelten.

Dadurch entsteht oftmals noch ein zusätzlicher Aufwand: Ratsuchende kommen mit Informationen aus KI-Systemen in die Beratung und vertrauen diesen häufig ganz stark. Das Phänomen ist nicht neu. Bereits beim ersten Chatbot ELIZA hat sich gezeigt, dass Menschen maschinellen Antworten oft großes Vertrauen entgegenbringen, selbst dann, wenn sie fehlerhaft sind. Viele Antworten sind bestimmt zu 80 Prozent richtig. Gerade das macht sie ja so unberechenbar, denn kleine Fehler können in rechtlichen Fragen große Folgen haben.

  • Civic Data Lab: Warum bleibt menschliche Beratung unverzichtbar?

Stefan Kühne: Beratende betonen, dass KI zwar Informationen liefern kann, aber den Kontext weiterhin Menschen herstellen müssen. Wenn man das System kennt, kommt man mit KI sehr weit. Aber nur, wenn man weiß, was man braucht und welche Perspektive wichtig ist. Gerade Ratsuchende kennen sich häufig nicht im Paragrafen-Dschungel aus. Sie suchen Orientierung, Einordnung und realistische Einschätzungen. Und manche nehmen aus KI-Antworten vor allem das mit, was sie hören wollen und nicht unbedingt das, was rechtlich oder praktisch realistisch ist.

Deshalb verstehen sich viele Beratende zunehmend als „KI-Lotsen“. Sie begleiten Menschen dabei, Informationen aus KI-Systemen einzuordnen und kritisch zu prüfen. Sie vermitteln: Wir wissen, dass Ihr KI nutzt. Wenn Ihr Fragen habt, kommt zu uns in die Beratung. Wir kennen die Zusammenhänge und können sie erklären.

Vor allem Erfahrungswissen, Empathie und situative Einschätzung lassen sich nicht automatisieren. Viele Anliegen in der Migrationsberatung haben keine einfache Lösung. Ablehnungen, Unsicherheiten oder belastende Lebenssituationen brauchen eben einfach menschliche Begleitung. „Die KI weiß viel über die Welt, aber sie ist nicht in der Welt“, hat einmal Michael Wildenhain gesagt. Das trifft es gut, wie ich finde: Sie kann keine menschliche Unterstützung anbieten, keine Gruppen vermitteln, keinen Zusammenhalt schaffen.

  • Civic Data Lab: Welche rechtlichen und organisatorischen Fragen stellen sich?

Stefan Kühne: Mit dem Inkrafttreten der europäischen KI-Verordnung gewinnt das Thema weiter an Bedeutung. Beratende müssen in Zukunft geschult werden und klare Rahmenbedingungen für den Einsatz von KI erhalten. KI ist kein IT-Thema, sondern vor allem ein Führungsthema. Deshalb brauchen Organisationen verbindliche Richtlinien: Welche Tools dürfen genutzt werden? Welche Daten dürfen eingegeben werden? Wer überprüft die Algorithmen und Inhalte?

Besonders kritisch sehen viele die sogenannte „Schatten-KI“, also die Nutzung nicht freigegebener Tools im Arbeitsalltag. Große Organisationen stehen deshalb vor der Aufgabe, sichere und datenschutzkonforme Lösungen bereitzustellen. Diskutiert werden etwa organisationseigene KI-Chatbots für Beratende, die auf geprüfte Inhalte zugreifen können: auf rechtliche Informationen, auf interne Handbücher oder auf Vorlagen in organisationsgerechter Sprache. Ich bin davon überzeugt, dass es dann bei den Beratenden zum Einsatz kommt, wenn der Nutzen im Alltag tatsächlich spürbar wird. Die Entlastung muss ganz konkret für die Beratenden sein. Dann entsteht auch Akzeptanz für die Tools bei ihnen.

  • Civic Data Lab: Verändert KI auch die Sichtbarkeit sozialer Angebote?

Stefan Kühne: Neben der Beratung verändert KI zunehmend auch die digitale Öffentlichkeit. Beratungsstellen beobachten, dass klassische Suchmaschinenoptimierung allein nicht mehr ausreicht. Neben „SEO“, also „Suchmaschinenoptimierung“, gewinnt sogenannte „GAIO“, also „General AI Optimization“, an Bedeutung. Das bezieht sich auf die Frage, wie Inhalte von KI-Systemen gefunden und verarbeitet werden. Denn wenn KI-Systeme Antworten direkt zusammenfassen, klicken Nutzer*innen oft gar nicht mehr auf Webseiten weiter. Für soziale Organisationen wird es deshalb wichtiger, mit verlässlichen und geprüften Informationen sichtbar zu bleiben.

  • Civic Data Lab: Kann KI helfen, Kosten in der Migrationsberatung zu sparen?

Stefan Kühne: Die Antwort der Beratenden fällt eindeutig aus: KI kann unterstützen, aber nicht ersetzen. Zwar lassen sich Teilaufgaben effizienter gestalten. Zum Beispiel Übersetzungen, Dokumentationen oder Formulierungshilfen können Zeit einsparen. Doch gleichzeitig entstehen neue Aufgaben wie Informationen zu prüfen, KI-Antworten einzuordnen und Unsicherheiten aufzufangen. Vor allem aber bleibt die eigentliche Beratungsarbeit menschlich. Beratende haben mir dazu gesagt: „Wir müssen KI proaktiv in unser Beratungshandeln integrieren, aber wir müssen auch klar benennen, wo es den Menschen braucht.“

Gerade in einer Zeit, in der Finanzierung und Zukunft der Migrationsberatung immer wieder infrage gestellt werden, warnen Fachkräfte davor, KI als Sparmodell zu verstehen. Denn gute Beratung wirkt frühzeitig. Sie verhindert Eskalationen, entlastet Kommunen und Verwaltung und hilft Menschen dabei, schneller Orientierung und Teilhabe zu finden.

Civic Data Lab: Vielen Dank für das Gespräch, Stefan Kühne.

Autor*in

Stefan Kühne

Experte für KI, Onlineberatung und Digitale Soziale Arbeit, Lehrbeauftragter und Herausgeber des e-beratungsjournal.net

Anja Stoiser

Kommunikation Civic Data Lab

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