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Eine bessere digitale Welt ist möglich

Wir alle lieben das Internet – zumindest seine vielen schönen Seiten. Wir können zusammenarbeiten, über Entfernungen hinweg Projekte starten, Wissen teilen, uns vernetzen und solidarisch handeln. Nie zuvor hatten engagierte Menschen so viele Werkzeuge in der Hand.

14. 11. 2025

Doch wir haben uns als Gesellschaft in eine gefährliche Abhängigkeit begeben: Unsere digitale Infrastruktur gehört nicht uns. Sie liegt in der Hand weniger Konzerne, die sich demokratischer Kontrolle weitgehend entziehen. Lange schien das vielen kein Problem zu sein – bis sich zeigte, wie brüchig diese Ordnung ist. Spätestens seit der zweiten Trump-Regierung und der demonstrativen Unterwerfung vieler Tech-Oligarchen unter politische Machtinteressen wissen wir: Wir haben ein strukturelles Problem.

Aber aufgeben ist keine Option.

Lest dazu auch unseren Blog-Beitrag zu „Gemeinsam machen – wie können wir unsere Demokratie stärken?“

Die Frage ist: Wie können wir digitale Infrastrukturen so nutzen, dass sie unseren Sozialstaat, unser demokratisches Miteinander und unser Engagement stärken – statt sie zu unterhöhlen?

Digitale Technologien sind längst kein Werkzeug mehr, sondern Teil unserer Gesellschaft. Sie formen unsere Teilhabe, unseren Zugang zu staatlichen Leistungen, unsere Gemeinschaften. Wenn wir nichts tun, läuft vieles auf Autopilot – und unser Sozialstaat wird nicht effizienter, sondern entmenschlicht. Wir müssen digitale Systeme bewusst als Verstärker von Demokratie und Gerechtigkeit gestalten – nicht als Sparinstrumente. Es geht nicht um mehr Technik, sondern um mehr Teilhabe, Transparenz und Gemeinwohl.

Wer kann handeln – und wie?

Initiativen, Vereine und zivilgesellschaftliche Organisationen können eigene Datenkompetenz aufbauen, Projekte starten und Transparenz einfordern. Sie müssen „Daten-ready“ werden – nicht als Nutzer*innen, sondern als Mitgestalter*innen.

Politik und Verwaltung müssen Rahmenbedingungen schaffen: offene Datenportale, standardisierte Schnittstellen, überprüfbare Algorithmen. Sie müssen klären: Welche Daten werden erhoben? Wer darf sie nutzen? Wie werden Entscheidungen nachvollziehbar?

Und wir alle brauchen die Fähigkeit, verantwortungsvoll und schöpferisch mit Daten umzugehen. Denn das ist Macht: nicht nur Daten zu erzeugen, sondern sie zu verstehen und zu gestalten. Diese Datenkompetenz ist eine demokratische Fähigkeit – und ihre Förderung eine staatliche Pflicht.

Es reicht nicht, dass digitale Angebote existieren. Bildung, Infrastruktur und gemeinwohlorientierte Anwendungen müssen gefördert werden. Unsere Förderlandschaften sind bisher kaum auf solche Projekte ausgelegt – das muss sich ändern.

Was lernen wir aus bisherigen Fehlern?

  • Transparenz muss von Anfang an mitgedacht werden und damit Code, Entscheidungslogik, Datenbasis.
  • Beteiligung von Betroffenen und Zivilgesellschaft muss selbstverständlich sein – Systeme gemeinsam gestalten, Kontrolle ermöglichen.
  • Datenqualität und -verfügbarkeit sind kein Nebenschauplatz: Schlechte Daten bedeuten schlechte Entscheidungen. Also: offen, interoperabel, nachvollziehbar.
  • Sozialstaatliche Systeme müssen modular, flexibel und überprüfbar sein.
  • Und: Digitalisierung darf nicht nur Effizienz fördern, sondern Gerechtigkeit, Teilhabe und Vertrauen.

Was heißt das konkret?

  • Wir brauchen mehr Vermittlung von Datenkompetenzen im Sozialbereich: Schulungen, Tools, Vorlagen für Datenanalyse und Transparenz.
  • Wir brauchen mehr Mut zur Kooperation zwischen Vereinen und Verwaltungen: Zivilgesellschaft als Mitgestalter*in, nicht bloß Nutzer*in.
  • Wir brauchen offene Plattformen für Sozial- und Demokratiedaten, gemeinsam gepflegt und weiterentwickelt.
  • Wir brauchen zivilgesellschaftliches Monitoring und öffentliche Audit-Berichte über digitale Sozialsysteme.
  • Wir sollten überall „Public Money, Public Code“ einfordern: Nicht nur staatlich finanzierte Software muss offen und erklärbar sein. Auch unsere eigenen Infrastrukturen!

Und die Politik?

  • Sie müsste gesetzliche Verpflichtung zu Audits algorithmischer Systeme im Sozialstaat schaffen – öffentlich und nachvollziehbar.
  • Sie könnte den Aufbau einer nationalen Dateninfrastruktur für den Sozialbereich schaffen – mit klaren Standards und Qualitätsregeln.
  • Sie sollte mehr Förderprogramme speziell für gemeinwohlorientierte Digitalisierung schaffen.
  • Und für eine Verankerung von Beteiligungsrechten für die Zivilgesellschaft bei der Gestaltung digitaler Sozialsysteme sorgen.
  • Selbstverständlich sollte eine verpflichtende Transparenz für alle Algorithmen sein, die Sozialleistungen beeinflussen.

Die Digitalisierung darf unseren Sozialstaat nicht schwächen, unsere Demokratie nicht untergraben, unser Engagement nicht entwerten. Sie kann das Gegenteil tun – wenn wir sie aktiv gestalten. Wenn wir digitale Infrastrukturen als Gemeinschaftsaufgabe verstehen. Wenn wir Daten als Werkzeug demokratischer Ermächtigung begreifen.

Eine bessere digitale Welt ist möglich – wenn wir sie gemeinsam bauen.

Übergangswelle

Markus Beckedahl setzt sich seit über 25 Jahren für eine informiertere Debatte über die digitale Gesellschaft ein. Er ist Mitgründer und kuratorischer Leiter der re:publica-Konferenz. Als Gründer des Zentrum für Digitalrechte und Demokratie arbeitet er an neuen Narrativen für demokratische Zukünfte und entwickelt mit seinem Team gesellschaftliche Strategien, um uns aus der Abhängigkeit von Big Tech zu lösen. In einem früheren Leben hat er netzpolitik.org gegründet und als langjähriger Chefredakteur aufgebaut. Er schreibt einen Newsletter auf Digitalpolitik.de.

Übergangswelle

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