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Mit Künstlicher Intelligenz in eine gute – analoge – Zukunft?

Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) hat das Potenzial, unsere Gesellschaft grundlegend zu verändern. Doch wie können wir sicherstellen, dass diese Technologie zu einer positiven Zukunft beiträgt? In diesem Gastbeitrag untersucht der Philosoph und Zukunftsforscher Christian Uhle die Auswirkungen von KI auf verschiedene Lebensbereiche und betont die Bedeutung analoger Fähigkeiten in einer zunehmend digitalen Welt.

25. 04. 2025

Der Hype um Künstliche Intelligenz (KI) ist berechtigt, denn sie stellt tatsächlich eine bahnbrechende Schlüsseltechnologie dar. Doch allein wird sie keine Lösung für die komplexen Probleme unserer Zeit bieten.

Die Evolution der Technik:
Von der Steinzeit zur KI

Technik ist eine uralte Angelegenheit. Bereits in der Steinzeit erschufen Menschen verschiedene Werkzeuge, um effektiver handeln zu können. Über die Jahrtausende hinweg hat sich viel verändert, doch eine Kontinuität blieb bestehen: Die Geschichte der Technik war im Wesentlichen eine Geschichte der Werkzeuge. Ob Hammer, Stift oder Auto – stets war es der Mensch, der diese Werkzeuge benutzte. Mit der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz zeichnet sich nun ein historischer Bruch ab. Erstmals sind Technologien verfügbar, die selbstständig Aufgaben erledigen können.

Ein Beispiel: Von der Schreibfeder zu ChatGPT

Im Laufe der Geschichte haben Menschen mit Hammer und Meißel geschrieben, mit Federn, Papyrus und Papier, mit Tastaturen und mit Microsoft Word. Diese Werkzeuge hatten gewaltige gesellschaftliche Auswirkungen, doch es gab eine Gemeinsamkeit: Immer hat der Mensch geschrieben. Bei ChatGPT ist es anders. Wir schreiben eine E-Mail nicht mit ChatGPT, sondern wir lassen sie von der KI schreiben. Diese veränderte Mensch-Technik-Interaktion betrifft auch viele weitere Bereiche: Einen konventionellen Pkw fahre ich – ein selbstfahrendes Auto hingegen fährt mich.

Die Auswirkungen der KI auf die Gesellschaft

Dieser Unterschied ist weitreichend und stellt einen Sprung in der Menschheitsgeschichte dar, dessen Ausmaße wir erst erahnen können. Es ist, als ob eine neue Spezies erschaffen worden wäre, die für uns Tabellen auswerten, Protokolle schreiben, Telefonate führen, Webseiten programmieren oder Illustrationen erstellen kann. Dies betrifft sämtliche gesellschaftliche Bereiche.

KI in der Wissenschaft und Forschung

KI wird in absehbarer Zukunft sämtliche Publikationen aus der Physik lesen können, in sämtlichen Sprachen, sich jedes Detail daraus merken und zu Erkenntnissen verknüpfen können. Kein Mensch, kein Forschungsteam ist dazu in der Lage. So liegt es nahe, dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ein deutlich verändertes Tempo in der Grundlagenforschung erleben werden. Welche Erkenntnisse werden auf diese Weise möglich sein? Und wie werden sie wiederum Technik und Gesellschaft verändern? Das können wir unmöglich vorhersehen.

Die Veränderung der Arbeitswelt durch KI

Viele Auswirkungen von KI auf unser Leben werden indirekt sein – etwa wenn KI in der Wissenschaft eingesetzt wird, in der Medikamentenentwicklung oder in der Stadtplanung. Gleichzeitig zeichnen sich weitreichende direkte Effekte ab. Insbesondere ist klar, dass sich Arbeitswelten stark verändern werden.

Neue Anforderungen an Arbeitnehmer*innen

In der öffentlichen Debatte besteht aktuell ein starker Fokus auf die Frage, wo Menschen komplett durch eine KI ersetzt werden können und welche Jobs gänzlich wegfallen. Bei dieser Debatte droht aus dem Blick zu geraten, dass die meisten Menschen zwar nicht arbeitslos werden, sich ihre Arbeitsrealität aber dennoch massiv verändert. Arbeitsprozesse ändern sich und damit auch die notwendigen Fähigkeiten von Menschen am Arbeitsmarkt. Das führt zu veränderten Gewinner-Verlierer-Strukturen.

„Während das solide Handwerkzeug an Wert verliert, werden vor allem strategische, konzeptionelle und soziale, kommunikative Fähigkeiten wichtiger.“

Die Rolle der Bildung in der KI-Ära

Es ist eine zentrale Aufgabe von Bildung, auf Arbeitswelten und andere gesellschaftliche Kontexte vorzubereiten und die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln. Deshalb ändert sich nun die Rolle von Bildungseinrichtungen. Eine Herausforderung ist es, die Transformation so zu gestalten, dass Verlierergruppen vermieden werden. Es liegt eine große Chance darin, dass Strukturen in der Arbeitswelt aufgesprengt werden. Denn es gibt viel Luft nach oben – wir leben nicht in der besten aller möglichen Welten.

Gestaltung der Zukunft mit KI

Momente des Umbruchs sind auch Momente der Gestaltung. Deshalb wünsche ich mir, dass wir dieses Möglichkeitsfenster, nun zu Beginn der Transformation, nicht verpassen und ebenso besonnen wie mutig die Weichen stellen für eine positive KI-Zukunft. Sie bedeutet nicht unbedingt ein hochtechnisiertes Science-Fiction-Szenario, sondern ist möglicherweise vor allem eine Zukunft, in der Menschen selbstbestimmt leben, mit einem stärkeren sozialen Zusammenhalt und in gerechteren Verhältnissen als heute. Das wäre sehr wesentlich eine analoge Aufgabe und würde vor allem analoge Fähigkeiten erfordern. Künstliche Intelligenz – in ihrer unbestreitbar gewaltigen Macht und Potentialität – könnte darin dann ein Baustein sein.

„Es ist, als ob eine neue Spezies erschaffen worden wäre, die für uns Tabellen auswerten, Protokolle schreiben, Telefonate führen oder Webseiten programmieren kann.“

Übergangswelle
Dieses Foto zeigt den Philosophen und Zukunftsforscher Christian Uhle

Christian Uhle ist Philosoph und Zukunftsforscher. Er ist Co-Autor mehrerer wissenschaftlicher Studien über den digitalen Wandel, arbeitet häufig mit Unternehmen und gibt zahlreiche Interviews in Zeitungen, Podcasts, Radio und TV. Zuletzt erschien sein Sachbuch „Künstliche Intelligenz und echtes Leben“ im S. Fischer Verlag. Gelungen ist ihm damit laut Welt am Sonntag eine „scharfsichtige Analyse“, die „unterhaltsam und unvoreingenommen“ das Potenzial von KI untersucht. Studiert hat Christian Uhle Philosophie, Physik und Volkswirtschaftslehre in Münster und Berlin. Geboren 1988, verkörpert er eine junge, engagierte Philosophie.

Übergangswelle

Künstliche Intelligenz und echtes Leben

Philosophische Orientierung für eine gute Zukunft

Kann KI uns helfen, ein besseres Leben zu führen?
Schon in naher Zukunft werden wir von einer persönlichen KI durch unseren Alltag begleitet. Auch virtuelle Partner und die Vernetzung unserer Umwelten im Internet der Dinge sind nicht länger Nischenphänomene. Der Philosoph Christian Uhle bietet uns eine Orientierungshilfe durch diese Neuerungen. Denn die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz faszinieren mit großer Strahlkraft und entwickeln sich rasend schnell. Mit Sicherheit werden sie die Gesellschaft und die Welt, in der wir leben, nachhaltig verändern. Aber in welche Richtung? Meist sind neue Technologien mit den glitzernden Versprechen einer besseren Zukunft verbunden: Mehr Zeit für das Wesentliche dank smarter Apps! Mehr Verbindung zu deinen Mitmenschen durch Online Dating! Entlastung und Begleitung durch KI – rund um die Uhr! Christian Uhle schaut, wo sich tatsächlich Potentiale für ein erfüllteres Leben, eine gute Zukunft eröffnen – und wo wir in die Irre geleitet werden.

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