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Re:Match: Wie ein Matching anhand von Algorithmen die Zukunft der EU-Flüchtlingsverteilung neu organisieren könnte

Die Verteilung von Geflüchteten in der EU orientiert sich nicht mehr ausschließlich an starren Quoten, strikten Verteilungsschlüsseln oder Zufällen, sondern bezieht die individuellen Bedürfnisse aller Beteiligten mit ein. In dem Projekt Re:Match, das von dem unabhängigen Think Tank Berlin Governance Platform umgesetzt und von der Open Society Foundation, der Deutschen Postcodelotterie, der DSEE und project together gefördert wird, wird dieser Ansatz bereits heute erfolgreich erprobt.

04. 11. 2024

In einer Zeit, in der Europa nach konstruktiven Lösungen in der Migrationspolitik sucht, entwickelt Re:Match eine vielversprechende, datenbasierte Alternative. Das Besondere daran: Statt Menschen als statistische Größen und anhand unpersönlicher Daten und Zahlen zu behandeln, rückt das Projekt die persönlichen Profile, Fähigkeiten und Wünsche der Geflüchteten in den Mittelpunkt der Matching-Prozesse.

Die digitale Datenauswertung auf beiden Seiten wird zum Matchmaker

Ähnlich wie Dating-Apps das Zusammenfinden von Paaren optimieren sollen, nutzt Re:Match modernste Algorithmus-Technologie, um Geflüchtete und Kommunen zusammenzubringen. Doch anders als bei der oft kritisierten Verwendung von Algorithmen in sozialen Medien, die hauptsächlich auf Engagement und Profit abzielen, steht hier das menschliche Wohlergehen der Geflüchteten im Fokus.

Re:Match ist somit ein innovatives Matching-Projekt, das Solidarität in der EU und die Verteilung von Schutzsuchenden neu und partizipativ organisiert – denn bei Re:Match ist man davon überzeugt, dass die Beteiligung von Kommunen und Schutzsuchenden der Schlüssel zu einem gerechten Migrationsmanagement ist. Im Gegensatz zu herkömmlichen Prozessen berücksichtigt Re:Match nämlich die individuellen Profile und Präferenzen der Schutzsuchenden, bleibt besonders nah den an den Menschen und gleicht sie mit den infrastrukturellen Rahmenbedingungen und Kapazitäten der Kommunen ab. Auch die Bedarfe auf lokalen Arbeitsmärkten werden berücksichtigt.

Erste Erfolge sprechen für sich

Die Zahlen der Pilotphase 2023 sind vielversprechend: 137 ukrainische Schutzsuchende fanden in acht deutschen Kommunen ein neues Zuhause – und das nicht durch Zufall, sondern durch präzises Matching. Diese ersten Ergebnisse zeigen: Der algorithmusbasierte Ansatz funktioniert nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Was Re:Match besonders macht, ist der ganzheitliche Ansatz, denn die Integration beginnt bereits beim Matching-Prozess, nicht erst nach der Ankunft. Geflüchtete werden nicht länger als passive Empfänger behandelt, sondern als aktive Teilnehmer*innen im Integrationsprozess – mit individuellen Präferenzen und Fähigkeiten, die vielleicht an einem bestimmten Ort stärker benötigt werden als an anderen. Auf der anderen Seite können die örtlichen Kommunen ihre Aufnahmekapazitäten besser planen und gezielt auch ihre Stärken einbringen können.

Mit Re:Match Herausforderungen als Chance begreifen

Natürlich wirft ein solches datenbasiertes innovatives Projekt auch Fragen auf: Wie lässt sich der Datenschutz gewährleisten? Wie kann verhindert werden, dass der Algorithmus bestimmte Kommunen oder Personen bevorzugt oder diskriminiert? Das Projektteam von Re:Match ist sich dessen bewusst und begegnet diesen und anderen Herausforderungen proaktiv und sieht sie als Chance zur kontinuierlichen Verbesserung. Während die Ergebnisse der zweiten Projektphase noch ausstehen, zeichnet sich allerdings schon heute ab: Re:Match könnte der Schlüssel zu einer humaneren und effizienteren Flüchtlingspolitik in der EU sein. Das Projekt zeigt, wie technologische Innovation und menschliche Bedürfnisse miteinander sinnvoll verknüpft sein können.

Technische Details und Skalierbarkeit

Der Algorithmus von Re:Match analysiert umfassende Daten über die Profile von Schutzsuchenden sowie die Kapazitäten und Bedürfnisse der Kommunen. Dies ermöglicht eine präzise Zuordnung. Die Herausforderung besteht darin, dieses erfolgreiche Modell auf eine breitere EU-Ebene auszuweiten und sicherzustellen, dass es auch in unterschiedlichen Kontexten funktioniert. Erfahrungsberichte von Geflüchteten und beteiligten Kommunen werden ebenfalls berücksichtigt, denn sie liefern wertvolle Einblicke in die Wirksamkeit des Projekts. Solche Rückmeldungen sind entscheidend für die kontinuierliche Verbesserung des Matching-Prozesses.

Fazit: Ein positives Beispiel für die digitale Transformation in der Integration von Geflüchteten

Re:Match ist mehr als ein technisches Experiment – es ist ein beeindruckendes Beispiel, das aufzeigt, wie digitale Transformation im Dienste des Gemeinwohls funktionieren könnte. In einer Zeit, in der Algorithmen oft als kritisch angesehen werden, beweist Re:Match, dass sie auch als Werkzeuge für mehr Menschlichkeit, Respekt und Gerechtigkeit eingesetzt werden können. Die bisherigen Erfolge deuten positive Veränderungen an und lassen hoffen, dass dieses innovative Konzept bald in größerem Maßstab umgesetzt werden kann. Für eine EU, die nicht nur von Solidarität spricht, sondern sie auch intelligent und menschlich im Sinne der Schutzsuchenden gestaltet.

Ihr wollt mehr über Re:Match erfahren? Dann seid doch bei unserem nächsten Online-Workshop „Gemeinsam machen“ dabei – am 6.11. von 15-18 Uhr geht es um intelligente Initiativen und Projekte im Bereich datengeschützte Integration und Migration. Und Teammitglieder von Re:Match sind auch mit dabei!

Mehr zu Re:Match unter: Re:Match – Relocation von Geflüchteten via algorithmusbasiertem Matching

Autor*in

Stephanie Agethen (sie/ihr)

Kontakt in HumHub

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