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Wie lügt man mit der Wahrheit? Der Democracy-Intelligence-Score und die Macht der Daten

Stellt Euch vor, jede politische Aussage trüge einen kleinen Aufkleber – ähnlich dem Nutri-Score auf Lebensmitteln. Von A bis E, ablesbar auf einen Blick: Stärkt das, was ich hier konsumiere, meine demokratische Urteilsfähigkeit – oder schwächt es sie? Genau das ist die Vision hinter Democracy Intelligence, einer gemeinnützigen GmbH, die seit wenigen Monaten systematisch politische Kommunikation misst und bewertet. Ziel von Democracy Intelligence ist es, Bürger:innen urteilsfähiger zu machen – nicht, ihnen die Meinung abzunehmen. Was simpel klingt, hat einen anspruchsvollen wissenschaftlichen Unterbau. Und der beginnt mit einer unbequemen Erkenntnis.  

18. 03. 2026

Der Gründer Mirko Lange, ausgebildeter Jurist, seit 25 Jahren Kommunikationsberater und mit intensiver Erfahrung in interessengesteuerter Kommunikation, erklärt: „Man kann die Wahrheit sagen und trotzdem massiv verzerren.“ Das Mittel dafür ist Selektion.

Man kann die Wahrheit sagen und trotzdem lügen…

Wer in seiner Berichterstattung ausschließlich über Messerangriffe durch Syrer oder Afghanen schreibt, aber nie über Messerangriffe durch Deutsche, sagt in jedem Einzelfall die Wahrheit – erzeugt aber ein systematisch verzerrtes Bild der Realität. Kein Faktencheck der Welt greift hier, weil nichts faktisch falsch ist.​

Das ist der Ausgangspunkt des Democracy-Intelligence-Scores

Er ist keine Lügendetektor-Ampel, sondern ein datengestütztes Qualitätsmessverfahren, das politische Kommunikation entlang dreier Dimensionen bewertet – und dabei auf eine fast 3.000 Jahre alte Grundlage zurückgreift: die Rhetorik des Aristoteles, mit seinen Kategorien Logos, Ethos und Pathos.​

Drei Dimensionen, eine Skala

  • Logos fragt: Wie wird mit Fakten und Argumenten umgegangen? Auf der positiven Seite steht die evidenzbasierte Aussage – messbar, nachvollziehbar, wissenschaftlich überprüfbar. Eine Stufe darunter rangiert das Plausible: gut argumentiert, widerspruchsfrei, nachvollziehbar. Noch eine Stufe tiefer kommt das rein Beschreibende – viele Worte, wenig Erkenntnis, oft typisch für sehr diplomatische Formulierungen. In den negativen Bereich geht es mit der Verzerrung (selektive Darstellung, die ein falsches Bild erzeugt) und schließlich der glatten Lüge, also der nachweislich falschen Behauptung.​
  • Ethos misst Fairness – und damit auch sprachliche Abwertung politischer Gegner:innen: Wie geht jemand mit politischen Gegenüberinnen und Gegnern um? Werden Argumente ernst genommen oder abgewertet?​
  • Pathos schaut auf die emotionale Wirkrichtung: Setzt eine Aussage auf Gemeinsinn und Zusammenhalt – oder werden Feindbild‑Vokabular und permanente Bedrohungsszenarien benutzt?​

In allen drei Dimensionen, betont Lange, lässt sich „sehr subtil manipulieren“. Der Score zielt deshalb nicht nur auf das Offensichtliche, sondern auf die strukturellen Muster politischer Kommunikation.​

Nicht objektiv, aber intersubjektiv – und das ist wissenschaftlich valide. Die naheliegende Kritik lautet: Ist das nicht alles subjektiv? Wer entscheidet, was fair oder gemeinsinnstiftend ist? Lange unterscheidet hier präzise zwischen Objektivität und Intersubjektivität. Objektivität – im naturwissenschaftlichen Sinne – bedeutet, dass unabhängig vom Messenden immer das gleiche Ergebnis herauskommt: 1,83 Meter sind 1,83 Meter, egal wer das Maßband hält. In den Sozial- und Kommunikationswissenschaften ist ein solches Maß an Objektivität nicht erreichbar.​

Warum das mehr ist als reine Meinung

Was aber möglich ist: transparente Kriterien definieren, die öffentlich einsehbar und diskutierbar sind – und dann prüfen, ob unabhängig voneinander bewertende Menschen zu ähnlichen Einschätzungen gelangen. Wenn 45 von 50 Personen eine Aussage anhand des gleichen Kriterienkatalogs als minus eins einordnen, hat dieses Urteil eine starke Berechtigung. Nicht die objektive Wahrheit – aber eine begründete, nachvollziehbare und anfechtbare Einschätzung. Wer die Kriterien für falsch hält, kann das sagen. Bislang, so Lange, habe dies noch niemand getan.​

Wie die Daten entstehen: Mensch und Maschine im Zusammenspiel

Um diese Methode skalierbar zu machen, setzt Democracy Intelligence auf eine Kombination aus mehreren großen Sprachmodellen – darunter ChatGPT, Gemini, Claude und Perplexity – und menschlicher Überprüfung. Die KI beschleunigt, der Mensch validiert: Kommen zwei KI-Systeme auf null und zwei auf minus eins, entscheidet ein Mensch – und begründet diese Entscheidung. Mittelfristig plant das Team den Aufbau eigener, unabhängiger Sprachmodelle, um die Abhängigkeit von kommerziellen Anbietern zu reduzieren. Ein aufwendiger Schritt, der aber eine grundlegende Frage beantwortet: Wer ein eigenes Modell trainiert, muss offenlegen, wie.​

Die Datenbasis wächst systematisch: Aktuell werden alle Social-Media-Auftritte von Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitikern erfasst – rückwirkend ab dem 1. Januar –, ausgewertet und in eine Datenbank eingespeist. Talkshow-Auftritte oder Bundestagsreden sind bewusst ausgeklammert, weil sie keine vergleichbaren Bedingungen schaffen: Nicht alle Kandierenden sitzen gleich oft in Anne Wills Nachfolgestudio. Was aber alle tun: posten.​

Das Systemische: Nicht die Aussage, das Muster

Einzelne Aussagen zu bewerten ist eine Sache. Die eigentliche analytische Tiefe liegt aber im Blick auf das Gesamtsystem. Steve Bannons berüchtigte Strategie „flood the zone with shit“ – also die massenhafte Verbreitung gleichlautender Botschaften, bis das Gehirn sie für wahr hält – entfaltet ihre Wirkung nicht durch eine Lüge, sondern durch zehntausend gleichlautende Behauptungen. Genau solche Wiederholungsmuster und Themenverschiebungen macht die Datenbasis hinter dem Score sichtbar, sagt Lange.​

Noch aufschlussreicher kann sein, worüber jemand nicht spricht. Wenn ein Politiker über Monate hinweg ausschließlich über Migration kommuniziert, obwohl im Parteiprogramm auch Gleichstellungspolitik steht: Das ist keine Lüge. Aber es ist eine Aussage – über Prioritäten, über Adressatinnen, über politische Wirklichkeitskonstruktion. Auch das wird erfasst.​

Ein Qualitätsmaßstab – kein Moralurteil

Democracy Intelligence bewertet nicht, welche Meinung „richtig“ ist. Der Score sagt nicht, wen man wählen soll. Er sagt nicht, ob „ein guter Mensch“ ist. Er sagt: Diese Aussage erfüllt die Kriterien, die wir definiert haben. Lange vergleicht das mit dem ISO-Qualitätsstandard: Eine Schraube ist nicht gut oder böse. Sie hat einen definierten Durchmesser. Liegt sie in der Toleranz, ist sie eine Qualitätsschraube. Liegt sie außerhalb, nicht. „Also wir sagen nicht, das ist gut oder schlecht. Das ist kein moralisches Urteil, sondern wir sagen nur, es ist dysfunktional für die Prinzipien der Demokratie.“​

Autor*in

Stephanie Agethen (sie/ihr)

Kommunikation Kontakt in HumHub

Mirko Lange (er/ihm)

Gründer Democracy Intelligence

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